Mit Dirk Dillmann im Gespräch


L:

Du hast die Moscheen angesprochen. Es s gibt in keinem anderen Stadtteil eine Moschee. Und in der Neustadt entwickelt sich das so wie eine Selbstverständlichkeit und ist vielleicht stadtplanerisch richtig oder nicht richtig, alles hier zu konzentrieren. Wir können damit umgehen. Aber wäre das eine Forderungen, die man allgemein stellen könnte, man sorgt dafür, dass migrantische Bewohner und Bewohnerinnen in der ganzen Stadt bessere Chancen haben?

D:

Ich will das gar nicht so festzurren am Thema Migration. Irgendwie müssen wir es schaffen, dass alle dort leben können, wo sie leben möchten. Und ich möchte das auch nicht für jemanden festlegen. Vlt. widerspricht das ja auch meiner Forderung, dass nicht alle Moscheen in der Nordstadt sind. Aber ich finde es wichtig, dass wir alle die Chance haben. Und das ist keine Einbahnstraße, dass ich oder wir halt von anderen Kulturen lernen können. Gleichzeitig fordere ich auch oder wünsche mir, dass andere Kulturen auch von uns lernen wollen und dass wir das einfache miteinander Leben gestalten.


L.:

Da ereignet sich vielleicht, ich sag mal in Anführungsstrichen Subkultur und Sport , besonders gut um zu lernen.


D:

ja, es ist glaube ich, ein Teil vom Ganzen. Also ich weiß z.B. über eure Arbeit bei 8001 zu wenig drüber, weil ich irgendwie auch immer so ein meinem Metier oder in meinem Arbeitsbereich bin, aber ich glaube, da gibt es ganz, ganz viele Mosaiksteinchen, die das Bild komplett machen.

L:

Religiosität ist ein Thema. Es gibt Leute, die sagen, Religion an für sich ist ja schon gefährlich. Es sei egal, ob jemand Muslim ist oder Christ oder sonst was ist. Es gibt immer Konflikte und letztendlich sind die Religionen mindestens mit daran schuld. Was meinst du? Ist das so?


D:

das steht und fällt auch hier mit Menschen. Also ich glaube, Glaube ist per se nichts Schlechtes. Es kommt auf die Menschen an, die dahinter stehen. Fast jeder Mensch glaubt irgendwie, je nachdem was wir in unserer Kindheit, in unserer Sozialisation mit auf den Weg bekommen haben.

L:

Neulich in einer Konferenz zum Thema Stadtteil Management wurde ich gefragt: Könnten Sie denn mit einer muslimischen Frau mit Kopftuch zusammenarbeiten? Was für eine Frage, sagte ich, natürlich. Da gab es aber schon Stimmen, die gesagt haben, das würden sie nicht wollen.

D:

Für mich ist das egal. Also wenn ich Frauen im Stadtbild sehe mit Kopftuch. Ich finde, das hat was. Ich finde, das sieht hübsch aus. Ich finde, wichtig ist dabei die Freiwilligkeit. Vor allen Dingen finde ich es schwierig, wenn die Mädchen das nicht wollen, aber müssen.


L:

Ich fasse zusammen: Du hast keine Angst vor “Überfremdung”. Und keine innere Stimme ruft dir zu: Hilfe, ich habe Angst mein Deutschsein zu verlieren.

  

D:
Nee, also ich weiß gar nicht, wie viel Deutsch ich bin. Was ist Deutsch? Ich möchte am liebsten international sein.

L:

Was meinst du, wie ist es mit dem Wahlrecht? Also ich hab neulich mit jungen Leuten gesprochen, die meinten, das Wahlrecht-Alter könnte jetzt einfach mal heruntergesetzt werden und zwar auf 14. Sie sehen keine richtige Lobby für sich, aber sie können vor allem sich auch selber nirgendwo vertreten. Wahlrecht ab 16 funktioniert ja nicht überall. Warum soll man Kinder eigentlich nicht ab 14 miteinbeziehen? Und wenn wir diese Demokratie sind, die wir sein wollen, wär’s doch einen Versuch wert.

D:

Also wenn ich jetzt Ja oder Nein sagen müsste, würde ich sagen ja, Wahlrecht senken. Ich weiß aber nicht, ob das wirklich funktionieren wird. Weil wenn ich an meine Jugend denke, 16, als ich mich bewerben sollte, einen Beruf wählen. Ich war einfach nicht so weit und ich wäre auch nicht so weit gewesen, eine Partei zu wählen. Also ich konnte mich gar nicht mit der Thematik beschäftigen. Aber ich sage trotzdem Ja, ich glaube, dass es viele junge Menschen gibt, die das können. Und auch durch FFF und andere Bewegung gibt es glaube ich noch mehr junge Menschen, die auch politisch aktiv sind. Ich glaube, denen dürfen wir das Recht nicht absprechen zu wählen. 14 weiß ich nicht, aber 16 schon.

 

 

L:

es gibt verschiedene Optionen, da geht das ab 16. Aber es ist halt einfach nicht durchgängig.

Also, wenn ich mir mich vorstelle. Als 16-Jährigen? Keine Ahnung, ob ich gewählt hätte. Mit 16 weiß man ja nicht , was man tut, sagen einige. Das wissen aber viele Erwachsene ehrlicherweise auch nicht. Dürfen aber wählen. Insofern, glaube ich, wäre es ok. Tatsächlich.

In Schleswig Holstein geht das ja bei den Kommunal- Landtagswahlen. Das ist nicht überall so.

D:

Und ich glaube auch, dass die Pandemie einfach auch Jugendliche in dem Kontext nochmal gebildet hat. Das glaube ich schon.

 

Das merken wir hier. Das ganze Projekt ist ein Beteiligungsprozess. Dementsprechend haben wir jetzt die dritte Generation zu packen und wir erleben als Pädagogen, dass sie einfach stark werden mit diesem Projekt. Dass sie uns dann halt auch die Stirn bieten und das ist nicht immer angenehm. Aber letztlich ist es das Ergebnis und das Ziel, das wir erreichen wollen, dass sie demokratiefähig werden und eine Haltung haben. Dazu sagen wir hier auch sehr deutlich. Es geht hier überhaupt nicht um BMX oder Skateboarding, es geht um Demokratie, Entwicklung und letztlich ist das, was wir machen halt das Medium.

 

L:
Wir, besonders im Sport und in der Kultur haben alle eine harte Zeit erlebt. Jetzt die letzten anderthalb Jahre. Kinder sind schwer getroffen worden. Das wurde relativ spät erst deutlich. Konntet ihr die Kontakt zu den Kindern halten? Habt ihr das hingekriegt? Sind sie jetzt wieder da? Wie geht es so?

D: Wir hatten eine Zeitlang geschlossen und auch versucht, digitale Angebote zu machen. Unsere Kontakte sind nicht abgerissen. Dann durften wir ja auch Notgruppen machen und das war dann noch so ein Spielraum und Auslegungssache. Von daher ist es uns chon gelungen, den Kontakt zu halten.

Trotzdem, irgendwie finde ich, dass das alles nicht im Verhältnis steht, was wir Kindern und Jugendlichen in dieser Pandemie zumuten und zumuten werden. Also bald sind die Erwachsenen alle geimpft. Und wie sieht der Weg für Kinder und Jugendliche bis 16 aus, wenn die Delta Variante zuschlägt? Also da merkt man, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland kaum keine Lobby haben. Das finde ich wirklich bedenklich. Und ich glaube, dass ich mich mehr als einmal irgendwie auf Facebook usw. zu diesen Themen geäußert habe. Da könnten wir Erwachsene tatsächlich einen besseren Job machen.

L: Kann man generell sagen, Deutschland tut zu wenig für die Kinder und Jugendlichen?

D: In Flensburg gibt es 17 Einrichtungen, die gefördert werden mit 1,7 - 1,8 Millionen. Das ist richtig gut. Und ich meine, Flensburg will jetzt jetzt auch noch so ein Siegel haben, kinderfreundliche Kommune. Ich glaube, Flensburg tut viel für Kinder und Jugendliche und hat einfach richtig tolle Spielplätze und so. Deshalb finde ich, kann man so insgesamt auch nicht sagen, Deutschland tut wenig für Kinder und Jugendliche. Aber die Lobby auf Bundesebene, vielleicht auch auf Landesebene oder jetzt mit so einem schwierigen Thema (Corona), da werden die Kinderrechte halt zuletzt oder zweitrangig gesehen. Ich finde Kinder und Jugendliche, vor allen Dingen Kinder, da meine ich irgendwie so elementar Bereich wie Grundschule, die müssten eine ganz hohe Priorität haben. Und ich kann z.B. Kinder mit Maske, also wirklich Grundschüler nicht mehr sehen. Also es ist so: 

Beim Fußball zigtausend Menschen im Stadion, aber nach den Ferien sitzen die Kinder wieder in der Grundschule mit einer Maske. Ja, das geht überhaupt nicht. Und da bin ich irgendwie so bei Lernen am Modell Vorbildfunktion. Da gibt's offizielle Sachen, die auch hier in Flensburg passiert sind, wo ich mir auch gewünscht hätte, dass man dann nur pro forma eine Maske auf hat, weil die Abstände nicht gewahrt werden, auch wenn es draußen ist. Aber trotzdem einfach so ein Signal für die jungen Menschen. Wir sind Vorbild. Wir machen das. Wir halten uns an die Regeln. Oder wir setzen die Regeln nochmal für uns, einfach weil wir Vorbild sind ein bisschen schärfer um. Das fehlt mir so und ich kann auch vor allen Dingen junge erwachsene Jugendliche sehr gut verstehen. Wenn die jetzt Vollgas geben, wenn sie sich nicht an Regeln halten. Und da haben sie auch nicht aktiv, nicht proaktiv, aber vom Herzen her meine Unterstützung. Weil die Verhältnismäßigkeit einfach nicht stimmt und das Thema ist doch, kaum ist eine bestimmte Altersgruppe geimpft, öffnen wir die Flughäfen und alle können gen Süden fliegen.

 L:

Das ist jetzt so eine große Transformation, die gerade stattfindet mit viel abgerissenen, abgerockten Flächen. Wir drängen ja immer darauf, dass die Pläne jetzt bald umgesetzt werden. Wir hätten gerne, dass die Sanierungs Gesellschaft jetzt endlich diesen Stadtteil so hin baut, damit er sich endlich mal wieder als Stadtteil fühlen kann. Meinst du, da ist jetzt der Punkt, dass das nun wirklich passiert, so dass man sagen kann in den nächsten fünf Jahren geht das wie so ein Dominostein nach dem anderen. Die Zukunft kommt wirklich.


D:

Jetzt? Ich meine, ich bin seit 20 Jahren irgendwie hier auf dieser Fläche und ich weiß, wie lange das gedauert hat mit der Werftstraße. Ich weiß, wie lange das mit der Kaimauer dauert. Also jetzt sind sie ja irgendwie glaub ich dran., aber so richtig Baustelle ist ja nun nicht. Und jetzt wird ja viel weggerissen. Wir betreiben ja selbst die alte Halle in der Neustadt. Eigentlich bräuchten wir die ja genau. Haben wir auch so als Vision auf dem Tableau. Wir würden uns wünschen, dass man diese Halle im Stadtteil erhält.

L:

Wie sieht es denn jetzt aus mit eurer Zukunft? Ihr habt ja schon sehr viel geleistet. Es ist aber auch ganz offensichtlich, dass ihr das ein oder andere noch haben könntet, um sozusagen rund und perfekt zu sein. Da soll sich jetzt auch einiges tun …..

 

D:

Wir haben ja jetzt im Zuge der Pandemie die Beteiligungsprozess aus 2013/14 nochmal aufgegriffen. Digital über Facebook, Gruppen und Instagram und haben das alles nochmal aufgerufen und nochmal Beteiligungsverfahren durchgeführt, so wie es halt ging. Und jetzt gestaltet ein Planungsbüro gerade die Entwürfe und weiterführenden Pläne und das Innenministerium als Fördergeldgeber ist involviert. Also es stehen 1,4 Millionen bereit. Wir als Verein haben 150 000 Euro, die wir beisteuern. Der Zeitplan ist so, dass nächstes Jahr zur Pfingstveranstaltung , also in 2022, der offizielle Spatenstich erfolgt. Baubeginn hätte auch früher sein können. Das wollten wir aber nicht. Nach zwei Jahren Pandemiepause wollten wir im dritten Jahr nicht auf der Baustelle feiern. Deshalb machen wir diesen offiziellen Akt dann öffentlichkeitswirksam und dann wird 2023 alles fertig sein. Und es kommen dann Streetsoccer dazu, StreetBasketball Parkour, Street für BMX Skateboarder oder fürs Skateboard fahren BMX. Sodass dieser Ort einfach noch multifunktionaler wird. Wir spinnen schon weitere Pläne. Wir würden gern in einem der Schlachthof Häuser ein Jugendzentrum haben Dafür haben wir uns mit dem Jugendzentrum Ramsharde und dem AAK zusammengetan.